Auswirkungen von Vermächtnissen auf den Pflichtteilsanspruch

Maraike Lehnhoff

Maraike Lehnhoff

Verfasst der Erblasser ein Testament, kann er dabei nicht einen Erben einsetzen, er kann auch bestimmte Vermögensgegenstände einzelnen Personen zuwenden.  Man spricht dann von Vermächtnissen. Setzt der Erblasser z.B. seine Tochter zur Erbin ein und verfügt, dass sein Sohn „das Haus“ erhält, bedeutet das rechtlich: Die Tochter tritt als Erbin in sämtliche Rechte und Pflichten des Erblassers ein. D.h. sie erhält alles, was sich im Nachlass (ohne „das Haus“) befindet, muss aber auch für Verbindlichkeiten aufkommen und sich um den Nachlass kümmern. Der Sohn als Vermächtnisnehmer hat „nur“ einen gerichtlich durchsetzbaren Anspruch auf Übertragung des Grundbesitzes gegen die Erbin und sonst mit dem Nachlass nichts zu tun.

Gehen wir davon aus, dass die Immobilie 500.000,00 € wert ist und der sonstige Nachlass nach Abzug aller Verbindlichkeiten 100.000,00 € beträgt, folgt daraus: Der Sohn erhält die Immobilie im Wert von 500.000,00 €. Die Tochter, die nach dem Tod des Erblassers für die Abwicklung des Nachlasses, d.h. z.B. für die Organisation der Beerdigung, die Kündigung von Verträgen und die Auflösung des Hausrates, verantwortlich war, erhält nur den verbleibenden Restbetrag (100.000,00 €).

Hätte der Erblasser stattdessen verfügt, dass der Sohn Alleinerbe wird und seine Tochter gar nicht bedacht, wäre der Sohn für die Abwicklung des Nachlasses (mit „dem Haus“) verantwortlich. Die Tochter hätte dann einen Pflichtteilsanspruch. Der Pflichtteilsanspruch bestünde in Höhe von ¼ des Nachlasswertes, die Tochter würde also einen Betrag in Höhe von 150.000,00 € erhalten. Sie würde also besser abschneiden. Will die Tochter auch in dem Fall, dass sie zur Erbin ernannt wird, den vollen Pflichtteil erhalten, muss sie die Erbschaft fristgerecht ausschlagen. Tut sie dies nicht, ist ihr die Geltendmachung von Pflichtteilsansprüchen auf das im Vermächtniswege übertragene Haus verwehrt. Sie bekäme also weniger, als wenn sie ausschlagen würde. Wer als Erbe mit der Anordnung von Vermächtnissen beschwert wird, sollte sich also rechtzeitig anwaltlichen Rat einholen.

 

Maraike Lehnhoff

Fachanwältin für Erbrecht

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