Kindeswohlgefährdung bei einer Beziehung einer Jugendlichen zu einem älteren Mann?

Fällt das Wort Kindeswohlgefährdung denkt man als erstes daran, was Eltern „falsch“ machen, warum Eltern es nicht schaffen durch ihr eigenes Verhalten ihre Kinder nicht zu schützen und zu behüten.

Einen davon abweichenden Fall, wie sich im Laufe des Verfahrens herausstellte, hatte das Brandenburgische Oberlandesgericht vorliegen (Beschluss v. 24.03.2016, 9 UF 132/15). In diesem Fall kam es zu einer Anzeige der Kindeswohlgefährdung mit der Behauptung, die Eltern würden ihre 15jährige Tochter schlagen und psychisch unter Druck setzen.

Was man wissen muss, der anzeigende 48jährige Mann führte eine intime Liebesbeziehung zu der Tochter. Diese Beziehung begann als die Tochter 14 Jahre alt war. Der Mann war zudem ein „angeheirateter Onkel“ der Tochter.

Die Eltern machten sich nicht allein wegen des großen Altersunterschiedes Sorgen, sondern um die Art der Beziehung zwischen den beiden. Im Verlauf der Beziehung sei die Tochter in der Schule immer schlechter geworden. Sie hatte sogar die Schule abgebrochen und jeglichen Kontakt zum sozialen Umfeld. Die Eltern machten sich Sorgen darüber, dass die Tochter ausschließlich auf ihren Partner fixiert sei. Es sei zu befürchten, dass sie ein Suchtverhalten ihm gegenüber entwickelt und sich abhängig mache. Sie sei schon entsprechend manipuliert worden.

Im Zuge der Streitigkeiten zwischen der Tochter und ihrem Partner, entzog sich die Tochter dem elterlichen Zugriff und setzte sich gemeinsam mit dem Partner nach Südfrankreich ab. Es war abzusehen, dass die Tochter nicht wieder zurück in den elterlichen Haushalt wollte. Zwischenzeitlich erwirkten die Eltern in einem weiteren Verfahren, dass die Tochter psychiatrisch untergebracht wurde.

Was sagt das Gericht dazu?

Das Gericht war der Auffassung, dass eine erhebliche Kindeswohlgefährdung vorlag und die Tochter in ihrer Entwicklung massiv gefährdet sei. Aufgrund des eskalierten Konfliktes mit den Eltern, habe die Tochter jeden gesicherten Halt in ihrer Familie, ihr Zuhause und ihr gesamtes vertrautes Umfeld verloren.

Die Eltern sprachen sich für ein umfassendes Näherungs- und Kontaktverbot aus. Das Gericht hat das etwas anders gesehen. Unter Hinzuziehung von u.a. ärztlichen Gutachten ist das Gericht nicht zu dem Ergebnis gekommen, dass die Tochter ausschließlich auf den Partner fixiert sei. Die Tochter habe konkret und nachhaltig betont, dass sie wieder zur Schule gehen wollte, aber sich von den Eltern derzeit verfolgt fühle. Das Gericht betonte zudem, dass der Wille der fast 16jährigen verfestigt sei und nicht einfach übergangen werden sollte. Das Gericht hat das in der ersten Instanz erlassene Kontaktverbot aufgeboben. Es war der Auffassung, es sei viel wichtiger den Folgen der Heimlichkeit der Beziehung entgegenzutreten und diese zu „legalisieren“. Die Akzeptanz der Beziehung wäre ein Neustart für die Entwicklung der Tochter. Einschließlich eines stabilen sozialen Umfeldes mit gesichertem Obdach, Schulbesuch und Kontakt zu Gleichaltrigen.

Anna Hönig
Rechtsanwältin

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